Wirtschaft

Warum die Zahl der Lebensmittelrückrufe steigt

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Die Zahl der Lebensmittelrückrufe steigt. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der Fälle verdoppelt. Sind die Produkte schlechter geworden?

Unter den Einkäufen im Supermarkt können sich immer öfter Produkte befinden, die später zurückgerufen werden.

Am Freitag erst musste die Molkerei Zott die Verbraucher vor den eigenen Produkten warnen. Sie ruft in acht Bundesländern – nicht in Berlin und Brandenburg – Sahnejoghurts zurück, weil sie für Allergiker gesundheitsschädlich sein können. Auch das Bio Corned Beef der Firma Vorwerk Podemus sollte man derzeit mit Vorsicht genießen. Fremdkörper in der Fleischmasse können schnell einen Zahn kosten. Gleiches gilt für das Kürbiskernbrot von Arzyta Food Solutions.

Und auch große Anbieter sind kein Garant für sicheres Essen. So enthält die tiefgefrorene Petersilie von Iglo (Code L 8346BR005) Verotoxin bildende E.coli, die bei rohem Verzehr zu fieberhaften Magen-Darm-Störungen führen können. DM ruft aktuell gleich mehrere Fruchtbreis für Babys der Marke „Babylove“ zurück, weil die Kleinen mit dem Erdbeer/Himbeer-, Erdbeer/Banane- oder Pfirsich-Maracuja-Brei auch Schimmel bildende Aflotoxine löffeln können.

Nie hat es so viele Lebensmittelrückrufe gegeben wie im Moment. Das zeigt eine Auswertung des Internetportals Lebensmittelwarnung.de, die dem Tagesspiegel vorliegt. Auf dem Portal veröffentlichen die Behörden seit 2011 Rückrufe der Unternehmen für gefährliche Lebensmittel, seit März dieses Jahres sind auch Bedarfsgegenstände wie Schuhe oder Geschirr sowie Kosmetika erfasst.

In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der Lebensmittelrückrufe in Deutschland mehr als verdoppelt. Von 75 Warnungen vor gefährlichen Lebensmitteln 2013 ist die Zahl der Meldungen bis 2018 auf 186 gestiegen. Spektakulärster Fall dürfte der Rückruf aller Mars- und Snickersriegel im Jahr 2016 gewesen sein. Nachdem ein deutscher Kunde ein Plastikteil in der Schokolade gefunden hatte, hatte der US-Konzern eine Rückrufaktion in 54 Ländern gestartet – auch in Deutschland. In den ersten Monaten des laufenden Jahres haben die Behörden übrigens bereits 40 neue Meldungen erfasst.


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Lebensmittelhersteller müssen Produkte zurückrufen, wenn sie unsicher sind. In den meisten Fällen handelt es sich um mikrobiologische Verunreinigungen und um Fremdkörper wie Glas-, Metall- oder Plastiksplitter. Besonders häufig betroffen sind Fleisch- und Fleischerzeugnisse, gefolgt von Milch und Milchprodukten. Nach Angaben des Bundesernährungsministeriums gibt es pro Monat rund 250 000 Zugriffe von rund 150 000 Besuchern auf Lebensmittelwarnung.de. Wer will, kann sich per Twitter über neue Meldungen informieren lassen.

„Im Schnitt kann man fast jeden zweiten Tag mit einem Rückruf rechnen“, sagt Axel Haentjes vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels. Fragt sich: Sind deutsche Lebensmittel schlechter geworden? Nein, sagen Verbraucherschützer wie Anbieter. Früher hätten die Hersteller ihre Produkte still und leise zurückgerufen, wissen Ernährungsexperten in den Verbraucherzentralen. Doch inzwischen hätten die Hersteller gemerkt, dass Ehrlichkeit am längsten währt. Das sieht auch Haentjes so, der beim Lebensmittelhandelsverband die Abteilung Lebensmittelrecht leitet. Die Lebensmittelhersteller und –händler hätten keine Angst mehr vor einem Imageschaden. „Es gibt keine Zurückhaltung vor Lebensmitteln zu warnen, wenn diese nicht sicher sind.“

Die Fälle steigen auch, weil die Tests besser geworden sind

„Die Unternehmen sind sensibler geworden“, heißt es auch beim Spitzenverband der Lebensmittelindustrie BLL. Für die Hersteller würde nicht die Welt zusammenbrechen, wenn sie ein Produkt zurückrufen müssen, meint Marcus Girnau, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Verbands. Obwohl die Hersteller den Schaden haben und die Kosten für die Rückrufe tragen müssen. Dass die Zahl der Fälle steigt, führt Girnau auch auf verfeinerte Testmethoden in der Lebensmittelwirtschaft zurück und darauf, dass es mit dem Portal Lebensmittelwarnung.de seit nunmehr neun Jahren eine zentrale Plattform gibt.

Sarah Häuser von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch hat dagegen Zweifel an der Wirksamkeit von Lebensmittelwarnung.de. „Viele Warnungen kommen zu spät“, kritisiert die Verbraucherschützerin. Zudem sei das Portal unübersichtlich und kaum bekannt. Häuser vermisst einen Newsletter, den Verbraucher abonnieren könnten, um regelmäßig auf dem Laufenden gehalten zu werden. Neben den Herstellern sieht Häuser auch den Lebensmittelhandel in der Pflicht. Die Supermärkte und Discounter sollten ihre Social-Media-Kanäle nicht nur für Werbung, sondern auch für Rückrufe nutzen. Zudem sollten in den Läden sowohl Rückrufe für Eigenmarken als auch für Markenartikel anderer Hersteller aushängen.

Im Lebensmittelhandel sieht man das anders. „Der Handel kann Warnungen im Kassenbereich oder am Regal aushängen. Allerdings bringt die Information am Regal nicht so viel. Der Kunde hat das Produkt ja bereits gekauft und wird es vielleicht nicht so schnell nachkaufen“, sagt Verbandsvertreter Haentjes.

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