Gesundheit

Warum weltweit die Zahl der Kaiserschnitte so stark steigt

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Im südlichen Afrika kommen weniger als fünf Prozent der Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt. Doch in manchen Teilen Lateinamerikas liegt die Rate bei fast 60 Prozent. Wie viele Operationen sind für ein Land normal? 0

Weltweit hat sich die Zahl der Kaiserschnitte innerhalb von 15 Jahren fast verdoppelt. 2015 wurde demnach jedes fünfte Kind auf diese Weise geboren. Diese Zahlen stellen Wissenschaftler zum Weltkongress der Internationalen Vereinigung für Gynäkologie und Geburtshilfe in Rio de Janeiro vor.

Während viele Frauen in einkommensschwächeren Ländern und Regionen die teils lebensrettende Operation nicht erhalten, wird sie in zahlreichen Ländern mittleren und höheren Einkommens zu oft angewandt, so die Experten. Auch in Deutschland ist die Zahl der Kaiserschnitte der Auswertung zufolge seit 2000 stetig gestiegen: Sie lag 2015 bei gut 30 Prozent.

In einer Artikelreihe im Fachmagazin „The Lancet“ beschreiben Wissenschaftler Ausmaß und Folgen von sowie mögliche Interventionen gegen diese Entwicklung, die sie als „Kaiserschnittepidemie“ bezeichnen.

„Schwangerschaft und Geburt sind normale Vorgänge, die in den meisten Fällen sicher ablaufen“, betont die belgische Gynäkologin Marleen Temmerman, die an der Aga Khan Universität in Kenia und der Ghent Universität in Belgien forscht. Der starke Anstieg medizinisch nicht notwendiger Kaiserschnitte vor allem in wohlhabenderen Ländern sei besorgniserregend wegen der Risiken, die mit dem Eingriff für Mutter und Kind verbunden seien.

„In Fällen, in denen es Komplikationen gibt, retten Kaiserschnitte Leben und wir müssen ihre Zugänglichkeit in ärmeren Regionen verbessern, sodass sie universell zur Verfügung stehen“, fasst Temmerman in einer Mitteilung zusammen. „Aber wir sollten sie nicht übermäßig nutzen.“

Experten schätzen, dass bei bis zu 15 Prozent der Geburten ein Kaiserschnitt medizinisch angezeigt ist, weil Gesundheit oder Leben von Mutter oder Kind gefährdet sind. Doch an dieser Zahl gibt es auch Kritik. „Diese Rate ist nicht zielführend“, sagt etwa Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Charité in Berlin. Die Ausgangssituation sei in einzelnen Ländern sehr unterschiedlich und nicht vergleichbar. „In Deutschland und anderen westlichen Ländern gibt es in deutlich mehr Fällen gute Gründe für einen Kaiserschnitt.“ Das seien zum Beispiel das steigende Alter der Frauen bei der Geburt, der Anteil an Schwangerschaften nach künstlicher Befruchtung und damit einhergehende Probleme wie Mehrlingsschwangerschaften, die Zunahme von Übergewicht, Bluthochdruck oder Diabetes und ein sehr hohes Sicherheitsbedürfnis für das Kind. Eine „Kaiserschnittvermeidungshysterie“ helfe nicht weiter.

Dass die Zahl der Kaiserschnitte mit der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes eng verknüpft ist, belegt auch die Analyse der Forscher in der ersten der drei Studien. Das Team um den Mediziner Ties Boerma von der Universität von Manitoba (Kanada) hatte Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) aus 169 Ländern analysiert. Damit erfassten sie 98,4 Prozent der Geburten weltweit.

Die Auswertung ergab, dass der Anteil zwischen 2000 und 2015 durchschnittlich jedes Jahr um fast vier Prozent gestiegen ist – von zwölf auf 21 Prozent. Die Entwicklung verlief dabei sehr unterschiedlich: Während etwa im südlichen Afrika weniger als fünf Prozent der Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt kämen, liege die Rate in manchen Teilen Lateinamerikas bei fast 60 Prozent. In fast allen Ländern mit niedrigen Kaiserschnittraten sei auch das Gesundheitssystem unzulänglich.

Von den 6,2 Millionen vermutlich unnötigen Eingriffen würde die Hälfte in China und Brasilien durchgeführt – und hier insbesondere bei Schwangerschaften mit geringem Risiko oder bei Frauen, die bereits einen Kaiserschnitt hatten. Innerhalb dieser Länder gebe es aber große Unterschiede. So schwanke die Rate in China je nach Region zwischen vier und 62 Prozent. In Brasilien sei zudem ein Phänomen besonders ausgeprägt, das weltweit zu beobachten sei: So würden vor allem hochgebildete Frauen Kinder per Kaiserschnitt zur Welt bringen. Allerdings habe das Land bereits verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die Rate zu senken, wie Brasiliens Gesundheitsminister Gilberto Magalhães Occhi in einem Kommentar zur Studie betont.

Wie Mediziner Boerma und sein Team beobachteten, würden Kaiserschnitte neben Lateinamerika vor allem in Nordamerika und Westeuropa zu häufig durchgeführt. Auch in Deutschland hat sich die Zahl der Kaiserschnitte seit 2000 fast verdoppelt: von gut 15 Prozent in 1990 auf mehr als 30 Prozent in 2017, wie auch das Statistische Bundesamt feststellt. Den weltweiten Anstieg der Kaiserschnittrate bringen die Wissenschaftler unter anderem in Zusammenhang mit der Tatsache, dass rund um den Globus mehr Geburten in Gesundheitseinrichtungen stattfänden und dass dort Kaiserschnitte häufiger würden.

Die Folgen der Eingriffe untersuchte ein Team um die Geburtsspezialistin Jane Sandall vom Londoner King’s College. Die Forscher durchforsteten dafür medizinische Fachartikel aus dem Zeitraum zwischen 1993 und 2018. Das Ergebnis: Träten bei einer Geburt Komplikationen auf, erhöhe ein Kaiserschnitt zunächst einmal die Überlebenschance von Mutter und Kind. Zudem könne die Wahrscheinlichkeit von Inkontinenz oder einer krankhaften Senkung der Beckenorgane nach der Geburt verringert werden.

Allerdings seien mit dem Eingriff auch kurz- und langfristige Risiken verbunden. Insgesamt bedeute ein Kaiserschnitt einen komplizierteren Heilungsprozess für die Mutter, unterstreichen die Autoren. Die mit ihm einhergehende Vernarbung der Gebärmutter könne zu Blutungen sowie in nachfolgenden Schwangerschaften zu einer abnormalen Entwicklung der Plazenta, Schwangerschaften etwa im Eileiter oder zu Tot- und Frühgeburten führen. Zudem gebe es mehr und mehr Anzeichen dafür, dass Babys bei einem Kaiserschnitt ein anderes hormonelles, bakterielles und medizinisches Umfeld haben, welches Einfluss auf ihre Gesundheit nehmen könnte.

Doch warum steigt die Kaiserschnittrate eigentlich? Einige zusätzliche Gründe führt der dritte Fachartikel in „The Lancet“ an. Frauen würden demzufolge häufig aus Angst vor Schmerzen oder den Geburtsfolgen wie Beckenbodenschäden, Inkontinenz und weniger erfüllender Sexualität nach einem Kaiserschnitt fragen, schreiben die Autoren um Medizinerin Ana Pilar Betrán von der WHO.

Um diesen Sorgen zu begegnen, schlagen die Wissenschaftler unter anderem vor, die Wirkung von Entspannungstrainings, Geburtsvorbereitungskursen, Vorträgen und Broschüren zu untersuchen. Grundsätzlich würden sich die meisten Frauen eine natürliche Geburt wünschen. Schlüsselprobleme, die letztlich zu einem Eingriff führten, seien vielmehr oft in ökonomischen und organisatorischen Faktoren des Gesundheitssystems zu finden, sagt Franka Cadée, Präsidentin der Internationalen Hebammen-Konföderation (ICM) in einem weiteren Kommentar. Sie plädiert dafür, die Position von Hebammen zu stärken.

Tatsächlich gibt es Anzeichen dafür, dass Geburten unter der Aufsicht von Hebammen, in Geburtszentren sowie mit kontinuierlicher Unterstützung des Geburtsvorgangs weniger häufig in einem Kaiserschnitt endeten, stellt die Studie von Medizinerin Betrán von der WHO fest. Entsprechend rücken neue Empfehlungen der WHO die Rolle der Hebamme bei der Geburt in den Vordergrund.

Auch der deutsche Experte Henrich hält es für wichtig, intensiv für eine vaginale Geburt zu beraten. „Aber es ist ebenso wichtig, den Wunsch einer Frau nach einem Kaiserschnitt zu respektieren und letztlich auch zu akzeptieren.“ Zudem werde in der Diskussion häufig übersehen, dass auch die vaginale Geburt Risiken mit sich bringe. Anders als vor einem Kaiserschnitt müssten Mediziner darüber vor einer Geburt nicht aufklären. „Die einseitige Aufklärung über die Risiken eines Kaiserschnitts und die möglichen Folgeschäden ist gegenüber einer mündigen Frau ungerecht.“

Medizinische Folgen hatten Forscher bei einer Studie abseits des „Lancet“-Schwerpunkts im Blick: Im Fachblatt „PNAS“ schildern sie die Ergebnisse ihres Vergleichs von natürlich und per Kaiserschnitt entbundenen Mäusen. Bei Ersteren starben drei Stunden nach der Geburt in mehreren Gehirnregionen deutlich weniger Zellen ab als bei denen, die durch den Kaiserschnitt geboren wurden. Und: Letztere waren auch schwerer. Das Fazit der Forscher: „Der Geburtsvorgang kann die Entwicklung der Nerven beeinflussen. Das kann zu nachhaltigen Auswirkungen auf die Gehirnfunktion und das Verhalten führen.“

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